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Zeitzeuge Burkhard Seeberg berichtete am Emsland-Gymnasium über seine Erfahrungen mit der Stasi


Zeitzeuge Burkhard Seeberg berichteten den Schüler und Schülerinnen des 9. Jahrgangs des Emsland-Gymnasiums von den menschenverachtenden Zuständen im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen.

RHEINE. Auf die Fahrt in die Bundeshauptstadt Berlin hatte sich der 9. Jahrgang des Emsland-Gymnasiums lange gefreut. Aufgrund von Covid-19 fiel die Fahrt nun jedoch aus. Dem Engagement verschiedener Lehrkräfte ist es zu verdanken, dass ein interessantes Ersatzprogramm auf die Beine gestellt werden konnte. Ein Highlight war das Zeitzeugengespräch mit Burkhard Seeberg aus Münster, der den Schülern und Schülerinnen von seinen Erfahrungen mit der Staatssicherheit (Stasi) in der ehemaligen DDR berichtete. Seine Erlebnisse erlaubten den Jugendlichen tiefe Einblick in die neuere deutsche Geschichte.

Burkhard Seeberg, damals ein politisch interessierter Student, fuhr 1973 zu den Weltfestspielen der Jugend und Studenten nach Ostberlin. Dort verliebte er sich in eine junge Rostockerin, mit der er anschließend eine Fernbeziehung über die innerdeutsche Grenze führte. In der DDR wartete man man damals sehr lange auf Dinge, die im Westen alltäglich waren, zum Beispiel ein Telefon-Festnetzanschluss, sodass die Kommunikation zwischen den beiden nur über Briefe erfolgen konnte. Zudem nutzte Seeberg die 30 Tage, die er als Westler pro Jahr mit Visum in die DDR einreisen konnte, voll aus. Hinzu kamen Tagesbesuche in Ostberlin, die zusätzlich möglich waren. Ihm und seiner späteren Frau war klar, dass eine Fernbeziehung unter diesen Umständen keine dauerhafte Lösung war. Eine Flucht aus der DDR wurde erwogen.

Die Schülerinnen und Schüler waren besonders beeindruckt von der Strategie, die Burkhard Seeberg verfolgte. Er ließ eine ähnlich aussehende Bekannte einen neuen Pass der BRD für seine Freundin beantragen. Seeberg beauftragte einen Grafiker, die alten Einreisestempel zu fälschen. Das Problem war, dass die DDR regelmäßig Stempelfarbe und -form wechselte. Ein kleiner Fehler führte dazu, dass das Paar in Ungarn kurz vor seiner Ausreise Richtung Westen aufflog.

Das Paar wurde von den Ungarn nach Ostberlin zurückgeschickt und landete im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Die Bedingungen dort schilderte Seeberg als menschenverachtend. Zum Beispiel wurde den Insassen der Blick nach draußen verwehrt. Selbst für das Schlafen gab es strenge Regeln. Bei der Verlegung nach Bautzen wurde Seeberg in einem mit der Aufschrift „FrischFisch“ getarnten Lieferwagen transportiert.

1980 gab es eine für alle überraschende Wendung: Burkhard Seeberg und seine Freundin wurden von der Bundesrepublik freigekauft. Die beiden waren nun wieder vereint und konnten kurze Zeit später heiraten.

Diese besondere Geschichte wird den Schülerinnen und Schülern sicher noch lange im Gedächtnis bleiben.

Josephine Grasse (9a)

Sophia Thiemann (9a)

Quelle: Münsterländische Volkszeitung, 106.11.2020, © Altmeppen Verlag GmbH & Co. KG ,
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