Firma Gieseke speichert CO₂ in Straßen
RHEINE. Der klassische Straßenbau ist ein echter Klimakiller. Vor allem das Erhitzen und Verarbeiten von bis zu 170 Grad heißem Asphalt verschlingt Unmengen an Energie und pumpt tonnenweise Kohlendioxid (CO₂) in die Atmosphäre. Doch genau hier, beim traditionellen Asphaltbau, setzt eine Innovation aus Rheine an. Die „Gieseke GmbH“ hat ein neues Verfahren entwickelt: Sie kann mithilfe eines innovativen CO₂-Rechners Asphalt so verlegen, dass der Neubau klimaneutral bleibt. „Und das ist überall machbar“, sagt Geschäftsführer Mark Gieseke. Eine tragende Rolle spielt dabei der Einsatz von „Pflanzenkohle“ als CO₂-Speicher direkt im Asphalt. Auf der „Krummen Straße“ wurde diese Wende im Asphaltbau bereits Realität.
Die Krumme Straße wird seit Ende Juni bis zur Lindenstraße zur Fahrradstraße ausgebaut; bis Oktober bleibt sie noch gesperrt. Ein Abschnitt ist schon fertig – und der sieht aus wie eine ganz normale Straße. Aber: Das rund 350 Meter lange Teilstück ist die erste CO₂-freie Straße in Rheine – und eine der ersten bundesweit. Die Innovation steckt unter der Decke: Mit dem neuen Ausbauverfahren der Firma Gieseke kann der CO₂-Ausstoß beim Asphaltbau quasi auf Null sinken, ohne dass die Qualität auf der Strecke bleibt.
„Das Thema CO₂ wird in einer Baufirma nicht so gerne nach vorne gestellt“, sagt Mark Gieseke, geschäftsführender Gesellschafter des 125 Jahre alten Familienbetriebes in Rheine. „Wir haben uns aber vor fünf Jahren gefragt: Welchen CO₂-Fußabdruck hinterlassen wir eigentlich mit dem, was wir machen? Und lässt sich das ändern?“ Gieseke nahm Kontakt zur Fachhochschule Münster auf, die nach seinen Ideen ein digitales Werkzeug entwickelte: den CO₂-Rechner für Verkehrsflächen. Dieses Tool wurde mittlerweile von der DEKRA zertifiziert: Es arbeitet normgerecht nach strengen ISO-Standards und analysiert den gesamten Lebensweg der Baustoffe – von der Gewinnung der Rohstoffe im Steinbruch über den Transport bis hin zur Verarbeitung auf der Baustelle. „Wir können ein Projekt damit sehr konkret auf seinen CO₂-Fußabdruck berechnen. Dabei zeigt sich schnell: Der größte Hebel für den Klimaschutz liegt in den Asphaltmischwerken“, sagt Gieseke. Durch die digitale Analyse lasse sich der klassische Schichtaufbau einer Straße so verändern, dass bei gleicher Haltbarkeit und Qualität ein Großteil der Treibhausgase eingespart werden kann.
Dazu ein paar Vergleichszahlen: Beim Bau einer Standardstraße von einem Kilometer Länge (8.000 Quadratmeter) entstehen rund 900 Tonnen CO₂. Bei einem Kilometer Autobahn sind es bis zu 5.000 Tonnen. Ein Bundesbürger verursacht nach Angaben des Umweltbundesamtes im Schnitt zehn Tonnen CO₂ pro Jahr, enthalten sind Heizung, Strom, Ernährung, Konsum und Mobilität (Jahres-Fußabdruck). Eine Reise nach Mallorca schlägt pro Person mit 650 Kilo CO₂ zu Buche, eine nach New York mit rund vier Tonnen. Ein Jahr Autofahren (Benziner/Diesel, 12.000 Kilometer) verursacht zwei Tonnen CO₂.
Einsparen ist angesagt. Doch wie wird eine Straße rechnerisch CO₂-frei? Die Bauexperten von Gieseke setzen auf einen Mix aus bewährter Kreislaufwirtschaft und biologischen Helfern:
Weniger Hitze: Normaler Asphalt wird bei 160 bis 170 Grad gemischt und eingebaut. Der auf der Krummen Straße eingesetzte Niedrigtemperaturasphalt spart durch eine Temperaturabsenkung um 20 bis 30 Grad viel Energie und klimaschädliche Gase bei der Herstellung.
Dünnere Schicht: Die Asphaltdecke fällt einen Zentimeter dünner aus als üblich. Das spart am erdölhaltigen Bindemittel Bitumen. Damit die Straße trotzdem tragfähig bleibt, wird eine dickere und tragfähigere Schotter- und Kiesschicht eingebaut.
Biokohle als CO₂-Tresor: Eine wichtige Rolle für die rechnerische CO₂-Bilanz spielt der Einsatz von rund zwei Prozent Biokohle direkt im Asphalt. Gewonnen wird sie durch die Erhitzung von Biomasse (Pyrolyse). Verrottet Holz, entweicht das darin gespeicherte CO₂ in die Atmosphäre. Wird es stattdessen unter Sauerstoffausschluss zu Pflanzenkohle verarbeitet, bleibt der Kohlenstoff in fester Form gebunden – und landet in diesem Fall im Asphalt, wird dauerhaft in der Straße eingeschlossen. „Das funktioniert selbst dann noch, wenn die Straße nach Jahrzehnten einmal recycelt werden sollte“, sagt Gieseke. In der Summe komme die Baufirma so auf eine CO₂-Ersparnis von 70 Prozent gegenüber konventionellem Asphaltbau.
Die Baukosten sind dabei nur geringfügig höher. Der Ausbau der Krummen Straße hat mit rund 800.000 Euro nur etwa vier Prozent mehr als konventioneller Ausbau gekostet. Übrigens: Die Firma Gieseke bezieht ihre Biokohle von der Firma „CarStorCon“ aus Dülmen, die ihre Pflanzenkohle wiederum von der Firma Kestermann in Emsdetten-Ahlintel erhält.
Das Verfahren ist nicht völlig neu: Firmen in der Schweiz haben ebenfalls einen Pflanzenkohle-Asphalt entwickelt, der nach Angaben des Kantons Basel-Stadt sogar mehr CO₂ binden soll, als bei der Herstellung anfällt. Auch in Österreich, in China und in den USA ist Biokohle bereits im Einsatz.
Die Gretchenfrage: Lohnt sich das finanziell? „Natürlich ist das nur ein kleiner Teil unseres Geschäfts“, gibt Mark Gieseke zu. „Uns geht es um die Verantwortung für das, was wir bauen. Aber es stecken schon etwas mehr Aufwand und auch Kosten dahinter“, sagt der Geschäftsführer im Gespräch mit unserem Medienhaus. „Darum hängt es stark vom Bauherrn ab wie hier die Stadt Rheine, die sich bewusst für diese klimaoptimierte Konzept entschieden hat.“
Die Rentabilität hänge auch vom Markt für CO₂-Zertifikate ab. Verschiedene Handelsplattformen hätten bereits angekündigt, Zertifikate für die durch Pflanzenkohle-Asphalt gebundenen Emissionsminderungen zu handeln – mit Preisen, die Branchenvertreter im Bereich von rund 100 Euro pro Tonne CO₂ beziffern. „Für Kommunen und Baufirmen könnte das ein Anreiz sein, in die neue Bauweise zu investieren“, sagt Gieseke.
Dass die CO₂-sparenden Methoden funktionieren können, zeigen bereits Großprojekte wie die CO₂-optimierte Erweiterung eines Post-Briefzentrums in Duisburg, die Gieseke auf einer Größe von 4.400 Quadratmetern ausgeführt hat. 240 Tonnen CO₂ wurden dabei eingespart. „Der Einsatz von Pflanzenkohle wird technisch im ersten Eindruck oft in Frage gestellt“, sagt Mark Gieseke. Aber: „Wir sind uns aber sicher, was wir da machen. Neben den Erfahrungen aus der Schweiz steht dahinter eine sehr umfassende Untersuchung des Karlsruher Instituts für Technologie.“ In Zukunft, so prognostiziert der Geschäftsführer, werde nicht allein der Preis, sondern immer mehr der CO₂-Fußabdruck ein Vergabekriterium sein. „Das wird ein riesen Hebel auf dem Weg zur Klimaneutralität der Kommunen.“
Mark Gieseke sieht sich und seine Firma bundesweit als Vorreiter. „Wir sind auf Kongressen, bekommen viel Resonanz. Auch die Autobahn-GmbH hat schon angefragt. Dass wir den CO₂-Einsatz auf der Baustelle ganzheitlich berechnen können, ist unser Alleinstellungsmerkmal.“
Beim Ausbau der Kummen Straße wurden zwei Prozent Biokohle eingesetzt, etwa 16 Tonnen. 40 Tonnen CO₂ wurden so eingespart, rund 70 Prozent weniger als im konventionellen Ausbau. Die Gieseke GmbH setzt damit in Rheine ein Ausrufezeichen für den kommunalen Klimaschutz und dankt der Stadt und den TBR „für das Vertrauen“: Auf der Straße der Fokus auf den Radverkehr, im Asphalt darunter auf den C0₂-neutralen Ausbau. Mark Gieseke: „Alle Straßen und Gehwege könnten auf diese Weise klimaneutral gebaut werden.“
Die Gieseke GmbH ist ein familiengeführtes Bauunternehmen mit Hauptsitz in Rheine sowie weiteren Standorten in Senden und Hamburg. Mit rund 280 Mitarbeitenden (360 mit Tochterfirmen) und einem Jahresumsatz von rund 124 Millionen Euro zählt das Unternehmen zu den leistungsstarken Bauunternehmen der Region für Hoch- und Tiefbau, Asphaltbau sowie als Generalunternehmer. Gegründet von Bernhard Gieseke im Jahr 1901, feiert Gieseke im Jahr 2026 sein 125-jähriges Bestehen. Seit vier Generationen entwickelt sich das Unternehmen kontinuierlich weiter. Die heutige Leitung haben die Geschäftsführer Mark Gieseke und Volker Böckmann, Firmensitz ist seit 2021 an der Leugermannstraße 3 (Rheine R).-jho-
Quelle: Münsterländische Volkszeitung, 16.07.2026, © Altmeppen Verlag GmbH & Co. KG ,
alle Rechte vorbehalten.






